Klimawandelanpassung und Demokratie in Berlin

Vom 7. bis zum 12. Juli fand der zweite Teil der vergleichenden Exkursion „Demokratie und Klimawandelanpassung in Berlin und Wien“ des Instituts für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien in Kollaboration mit dem Geografischen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin (HU-B) statt.

Eine Nachlese zu Teil 1 der Exkursion und den Zielen der Lehrveranstaltung findet sich hier:

Klimawandelanpassung und Demokratie in Wien

Diesmal reisten die neun Studierenden der Universität Wien begleitet von Prof. Dr. Kerstin Krellenberg und Dr. Julia Wesely nach Berlin und erkundeten gemeinsam mit den zwölf Studierenden der Humboldt-Universität zu Berlin (HU-B) und Prof. Dr. Henning Nuissl nun auch in Berlin verschiedene Projekte und Initiativen an den Schnittstellen von Klimawandelanpassung und Demokratie. Weiters wurde das Exkursionsteam von Aileen Pohl unterstützt und begleitet, um das Exkursionsformat zu dokumentieren und zu evaluieren.

Der „Course Guide: Lessons Learned from a Circle U. Collaborative Field Trip“ bereitet diese Dokumentation im Detail für interessierte Lehrende auf.

Die Exkursion spiegelte die Diskussionen in Wien durch 6 Themenbereiche, welche jeweils an einem Halbtag von Studierendengruppen der HU-B gestaltet wurden:

  1. Skalare Dimensionen (Livia Stümer, Nicolás Bech)
  2. Direkte Demokratie (Christoph Biagini, Oliver Wallers)
  3. Urbane Soziale Bewegungen (Natascha Lorenzen, Nele Schleehahn)
  4. Demokratie und klimagerechte Stadt (Franz Spielmann, Paul Hoffmann)
  5. Taktischer Urbanismus (Jonas Vogler)
  6. Bürger*innenbeteiligung (Özkan Aydogan, Suude Naz Cayli)

Im Anhang an den jeweiligen Themenbereich finden Sie die Reflexionen der Wiener und Berliner Studierenden in Form individueller Blogbeiträge.

Der erste Tag der Exkursionswoche behandelte das Thema skalare Dimensionen. Die ausgewählten Beispiele demonstrieren dabei, wie vielseitig, politisch aufgeladen, aber oft auch widersprüchlich Klimaanpassung im urbanen Raum verhandelt wird. Bei Projekten wie dem Flussbad Berlin, der klimafitten Umgestaltung des Gendarmenmarkts und der (aufgehobenen) Verkehrsberuhigung der Friedrichstraße kollidieren Visionen rund um klimaresiliente Aufenthaltsqualität und Anpassung mit Fragen des Denkmalschutzes, kommerziellen Interessen und technischen sowie finanziellen Machbarkeiten. Der rote Faden, der sich durch all diese Projekte zieht, ist die fehlende politische Beständigkeit, die den Planungsverlauf vieler Projekte ungewiss wirken lässt. Der Themenslot endete mit einem Besuch am Hafenplatz in Kreuzberg, wo soziale Gerechtigkeit in Form von leistbarem Wohnraum und klimaresilienten Umbauplänen aufeinandertreffen. Es wurde ein Expertengespräch mit einem Vertreter der ansässigen Bürgerinitiative geführt. In der Diskussion über den Verlauf des Konflikts betonte dieser: „Recht muss in alle Richtungen funktionieren.”

Flussbad Berlin, © Julia Wesely, 2025
Gendarmenmarkt, © Julia Wesely, 2025
Hafenplatz, © Julia Wesely, 2025

Individuelle Blogbeiträge der Studierenden

Skalare Dimensionen, © Nicolás Alejandro Bech, 2025

Skalare Dimensionen, © Livia Stümer, 2025

Am zweiten Tag zeigte sich das Tempelhofer-Feld als ein gutes Beispiel für direkte Demokratie. Die große Freifläche des alten Flughafenareals trägt zur Klimaanpassung bei und ist ein beliebter Naherholungsraum. Aber auch wird hier das Potenzial für die Schaffung von Wohnraum diskutiert. Im Fokus des Exkursions-Slots standen  zwei durchgeführte Volksentscheide, bei denen sich die Bürger*innen gegen eine Bebauung aussprachen. Zudem gibt es aktuell Überlegungen einer erneuten Abstimmung über die Randbebauung der Fläche. Inwieweit eine Umsetzung dieser Pläne den Charakter des Ortes einschränken würde, sollten die Studierenden auf ihren eigenen Gruppen-Spaziergängen über das Areal diskutieren und sich dabei selbst ein Bild davon machen, wie der Raum aktuell auf unterschiedliche Weise genutzt wird. In der gemeinsamen Abschlussreflektion kam die Frage auf, wie sehr die Wirkung und das Vertrauen in Instrumente der direkten Demokratie leiden können, wenn politische Entscheidungsträger*innen Ergebnisse nicht vollends anerkennen.

Tempelhofer Feld, © Julia Wesely, 2025
Tempelhofer Feld, © Julia Wesely, 2025
Tempelhofer Feld (2), © Julia Wesely, 2025
Tempelhofer Feld (2), © Julia Wesely, 2025

Individuelle Blogbeiträge der Studierenden

Direkte Demokratie, © Christoph Biagini, 2025

Direkte Demokratie, © Oliver Wallers, 2025

Der dritte Exkursionstag startete in Treptow-Köpenik und beschäftigte sich mit dem Thema urbane soziale Bewegungen anhand des Beispiels Fridays for Future (FFF). Zu Beginn führten die Studierenden in Kleingruppen einen Wahrnehmungsspaziergang durch das Viertel durch, mit Blick auf die Forderungen, die FFF in Hinblick auf Klimaanpassung an diesen Stadtteil stellt. Danach hatte das Studierendenteam eine Vertreterin von FFF eingeladen, um mehr Einblicke in die internen Strukturen, Organisation und Herausforderungen bei der Prioritätensetzung der Bewegung zu bekommen. Wie schwierig es ist, Forderungen für Veränderungen mit den limitierten Ressourcen von FFF umzusetzen, konnten die Studierenden im Anschluss selbst erfahren. Sie bekamen die Aufgabe mit Unterstützung der Expertin eine Protestaktion gegen den weiteren Ausbau der A100 in Berlin zu organisieren. Die Übung zeigte: Auch wenn einzelne Perspektiven viele kreative Ideen erlauben, machen finanzielle und organisatorische Auflagen und Herausforderungen das Potenzial für interne Konflikte und Frustration schnell sichtbar.

Urbane Soziale Bewegungen, © Natascha Lorenzen, 2025

Urbane Soziale Bewegungen, © Nele Schleehahn, 2025

Am Vormittag des vierten Exkursionstags wurde das Thema Demokratie und klimagerechte Stadt behandelt und startete mit einem kurzen Besuch des Hauses der Demokratie und Menschenrechte. Dies ist ein Ort, der politisch und finanziell unabhängig Raum für die Arbeit jeglicher Bürger*innen- und Menschenrechtsbewegungen zu Verfügung stellt. Danach führte das Berliner Studierenden-Team die Gruppe zum Haus der Statistik. Aktuell noch in der baulichen Umsetzung, soll dieses Areal zu einem gemeinschaftlichen und kooperativen Ort zwischen Verwaltung und Bürger*Innen werden. Es soll Raum für Wohnen, Kultur, Bildung und Soziales bieten. Der Exkursions-Slot endete mit einem Besuch im versteckten und etwas verwilderten Nachbarschaftsgarten Moritzplatz. In Kleingruppen überlegten sich die Studierenden hier, wie man die Nutzung des Gartens weiter ausbauen könnte. Die Beobachtung anderer Besucher*innen während unseres Aufenthaltes erweckte den Eindruck, als würde der Nachbarschaftsgarten gut und gerne genutzt werden. Der Themenslot endet daraufhin mit der Überlegung, inwieweit es überhaupt einer Intervention bedarf. Möglicherweise reichen bzw. benötigt es genau solche Orte, die sich flexibel den Bedürfnissen ihrer Nutzer*innen anpassen und sich inkrementell verändern können.

Haus der Demokratie und Menschenrechte, © Julia Wesely, 2025
Haus der Demokratie und Menschenrechte, © Julia Wesely, 2025
Haus der Statistik, © Julia Wesely, 2025
Haus der Statistik, © Julia Wesely, 2025
Haus der Statistik (2), © Julia Wesely, 2025
Haus der Statistik (2), © Julia Wesely, 2025
Nachbarschaftsgarten, © Julia Wesely, 2025
Nachbarschaftsgarten, © Julia Wesely, 2025

Demokratie und klimagerechte Stadt, © Franz Spielmann, 2025

Demokratie und klimagerechte Stadt, © Paul Hoffmann, 2025

Am Nachmittag des vierten Exkursionstages drehte sich alles um das Thema taktischer Urbanismus und Kiezblöcke. Nach einem kurzen Rückbezug auf die Superblock-Idee und das in Wien vorgestellte Beispiel der Supergrätzl führte die Gruppe Wahrnehmungsspaziergänge in zwei Kiezen des Bezirks Neukölln durch. Im Schillerkiez analysierten die Studierenden die enge Raumaufteilung, die problematische Verkehrsführung trotz bereits ausgewiesener Fahrradstraßen und den kaum vorhandenen konsumfreien Aufenthaltsort. Der umgestaltete Reuterkiez zeigte das Potenzial des Konzepts Superkiez. Auch wenn der fahrende und parkende Autoverkehr nur begrenzt eingeschränkt wurden, sind die Unfallzahlen in diesem Kiez gesunken. Die Studierenden nahmen in diesem Zusammenhang ein erhöhtes Sicherheitsgefühl der Bewohner*innen im öffentlichen Raum war.

Reuterkiez, © Julia Wesely, 2025
Reuterkiez, © Julia Wesely, 2025
Reuterkiez (2), © Julia Wesely, 2025
Reuterkiez (2), © Julia Wesely, 2025

Taktischer Urbanismus, © Jonas Vogler, 2025

Am letzten Exkursionstag besuchte die Studierendengruppe das Quartiersmanagement in der Pankstraße im Bezirk Wedding. Eine Mitarbeiterin vom Quartiersmanagement gab zu Beginn einen kurzen Überblick über den Kiez, der mit einem hohen Grad an Versiegelung, Vermüllung und allgemein wenig öffentlicher Aufenthaltsqualität zu kämpfen hat. Eben hier möchte das Quartiersmanagement mit seiner Arbeit und der Initiative Kool im Kiez ansetzen. Auf dem gemeinsamen Spaziergang konnten die Studierenden Umsetzungsmaßnahmen wie ein Parklet, eine Regenwassertonne und die Bepflanzung von Baumscheiben begutachten. Im Anschluss besuchten die Studierenden selbst nochmals den Kiez und stellten sich den Fragen, wo es noch Verbesserungspotenzial im Hinblick auf Klimawandelanpassungen gibt, wie sie die Qualitäten des Mikroklimas wahrnehmen und mit welchen Methoden und Indikatoren diese Elemente dokumentiert werden können.

Pankstraße, © Julia Wesely, 2025
Pankstraße, © Julia Wesely, 2025
Pankstraße (2), © Julia Wesely, 2025
Pankstraße (2), © Julia Wesely, 2025

Bürger*innenbeteiligung, © Özkan Aydogan, 2025

Bürger*innenbeteiligung, © Suude Naz Cayli, 2025

Auch der zweite Teil der gemeinsamen Exkursion zeigte eindrücklich, wie komplex und konfliktreich die Stadtentwicklung im Spannungsfeld von Demokratie, sozialer Gerechtigkeit und Klimaanpassung ist. In den von den Studierenden vorbereiteten Themenslots sowie im Begleitprogramm, in welchem die Studierenden die Schwammstadt Adlershof kennenlernten und Maßnahmen der Klimawandelanpassung im Bezirk Wedding kartierten, wurde deutlich, dass Klimawandelanpassung nicht nur planerische Machbarkeit bedeutet. Vielmehr braucht es das Aushandeln von unterschiedlichen Interessen durch politische Verlässlichkeit und im Rahmen sozialer Gerechtigkeit. Besonders in dem dynamischen und vielseitigen urbanen Kontext wie Berlin zeigte sich, wie zentral Vertrauen, Transparenz und langfristiges Engagement von zivilgesellschaftlicher, aber auch politischer Seite für nachhaltige Transformationen sind. Während partizipative Aktivitäten wertvolle Impulse geben können, kann eine fehlende strukturelle Einbettung ihre volle Wirkung behindern. Umso wichtiger sind langfristige Strukturen, kooperative Prozesse sowie Räume, die flexibel und offen für lokale Aneignungen und kreative Interventionen bleiben.

Begehung der Schwammstadt Adlershof, © Julia Wesely, 2025
Vergleichende Abschluss-Reflexion an der HU-Berlin, © Julia Wesely, 2025
Studierende designen einen Nachbarschaftsgarten, © Julia Wesely, 2025
Adlershof Schwammstadt, © Julia Wesely, 2025
Adlershof Schwammstadt, © Julia Wesely, 2025
Kartieren im Regen - Wedding, © Julia Wesely, 2025
Kartieren im Regen - Wedding, © Julia Wesely, 2025
Hafenplatz (2), © Julia Wesely, 2025
Hafenplatz (2), © Julia Wesely, 2025

Text: Aileen Pohl, 2025

Nachlese zu Teil 1 der Exkursion und den Zielen der Lehrveranstaltung

Klimawandelanpassung und Demokratie in Wien

Vom 3. bis 6. Juni fand der erste Teil der vergleichenden Exkursion „Demokratie und Klimawandelanpassung in Berlin und Wien“ des Instituts für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien in Kollaboration mit dem Geografischen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin (HU-B) statt…