Woher kommen wir und wohin wollen wir als Stadtforscher*innen?
Zur Positionalität der Studierendenkohorte „Urban Studies“ (2025-2027)
Ko-kreativ und kollektiv auf dem Weg zu einer Positionalität, die durch vier Semester „Urban Studies“ trägt – das war die Aufgabenstellung im Wintersemester 2025. Die erste Kohorte der Spezialisierung „Urban Studies“ (2025-2027) des neuen Masterstudiengang „Geographies of Global Change and Sustainability Transformations“ an der Universität Wien stellte sich dieser Herausforderung und präsentiert zu Semesterende ihre gemeinsam erarbeitete Positionalität.
Im Rahmen des Seminars „Introduction to the Specialization in Urban Studies“, geleitet von Yvonne Franz, Julia Wesely und Ourania Kounadi und unterstützt von Sophie Gnadenberger, setzten sich die Studierenden kritisch mit Fragen ihrer eigenen Positionalität auseinander. Im Zentrum stand dabei nicht nur die Reflexion individueller Themeninteressen in Urban Studies, des professionellen Hintergrunds und biografischer Erfahrungen, sondern auch die Frage, welche ethischen Prinzipien, Verantwortlichkeiten und Handlungsansprüche mit einer gemeinsamen Positionierung verbunden sind.
Das Seminarziel, Positionalität nicht als rein selbstreflexive Übung, sondern als Grundlage für Verbindlichkeit, ethisches Handeln und verantwortungsvolle Forschung zu verstehen, dient also auch als gemeinsamer Kompass im Masterstudium.
Fünf Schritte zur kollektiven Positionalität
Ein Mini-Workshop entlang von fünf Arbeitsschritten unterstützte das ko-kreative Schreiben der Studierenden an ihrer kollektiven Positionalität. In Anlehnung an das Konzept der „Minifesta“ bedeutet kollektive Positionierung hier nicht die Herstellung einer einheitlichen, einstimmigen Erzählung, sondern einen zeitlich und räumlich situierten Moment vielstimmig abzubilden. Der Ablauf des Workshops war inspiriert von Padan, Y. et al. (2020): A ‘Minifesta’ as the Promise of Collective Voice.
Schritt 1: Individuelle Positionierung
Im ersten Schritt formulierten alle Studierende auf drei Karten kurze Statements zu folgenden Fragen:
- Karte 1: „Wir sind…“: Was interessiert mich an Urban Studies und warum?
- Karte 2: „Wir haben/bringen mit…“: Wie beeinflusst mein Kontext (Herkunft, Disziplin, eigene Erfahrungen) mein Studium/meine Arbeit in dem Bereich? Welche ethischen Aspekte sind für mich wichtig? Welchen Bias bringe ich mit/möchte ich adressieren?
- Karte 3: „Wir handeln…“: Was ist mein Ziel für das Studium und/oder mein Engagement für Städte?
Schritt 2: Teilen, Clustern, Aushandeln
Im zweiten Schritt wurden alle Karten aufgelegt, verschoben und thematisch geclustert.
Welche Karten passen zusammen? Wo werden Beziehungen (Übereinstimmungen, aber auch Spannungen) sichtbar? Gibt es übergeordnete Begriffe zu ergänzen? Gibt es Karten, die nicht für alle sprechen – wenn ja, was machen wir mit ihnen?
Schritt 3: Kollektive Aussagen
In Kleingruppen wählten Studierende Karten aus, stellten Textbausteine nebeneinander und formulierten daraus kollektive Aussagen entlang der drei Leitdimensionen: Wir sind, Wir haben/bringen mit, Wir handeln.
Schritt 4: Ko-Kreierter Text
Die Entwürfe der Kleingruppen wurden im Plenum zusammengeführt, in ihrer Reihenfolge diskutiert und sprachlich geschärft. Dabei wurden mögliche unbewusste Befangenheiten („unconscious biases“) und Ausschlüsse reflektiert und adressiert. Zentral war die Frage: Gibt es schwerwiegende Einwände gegen diese kollektive Positionierung?
Schritt 5: Performance
Im fünften und letzten Schritt wurde der Text im Kreis laut vorgetragen. Die performative Lesung diente als abschließende Reflexion: Fühlen sich Alle mit der kollektiven Positionalität wohl?
Das Ergebnis: Eine kollektive Positionalität
Die kollektive Positionalität als Prozessergebnis der Urban Studies Kohorte (2025-27) ist orientierungsgebend. Die gemeinsame Verortung verbindet unterschiedliche disziplinäre Hintergründe, biografische Erfahrungen und thematische Frontiers – von feministischen Perspektiven über ökologische Transformation, Governance und Partizipation bis hin zu Fragen von Macht, Ungleichheit und Gerechtigkeit.
Charakteristisch und sogleich Anspruch der kollektiven Positionalität ist deren Offenheit zur Weiterentwicklung. Sie ist explizit kein Konsenspapier, sondern ein gemeinsamer Ausgangspunkt für kritische Stadtforschung, ethisches Handeln und Lernen im inter- und transdisziplinären Umfeld der Urban Studies.
Hier nachzulesen:
1. Wir sind...
Wir sind viele verschiedene Individuen in einer Stadt geprägt von Ungleichheiten, Diskriminierung, Segregation, Spannungen, Unterschieden sowie politischen und sozialen Reibungspunkten. Aber eine Stadt bietet auch Raum für Chancen, Inklusion, Gemeinschaft, soziale Gerechtigkeit und Zusammenarbeit. Das Recht auf eine lebenswerte Stadt und einen Raum für Alle können wir durch intersektionale Perspektiven, Partizipation und gemeinsame Gestaltung erreichen. (Carlotta, Verena, Emelie, Caroline)
Unser Interesse gilt der nachhaltigen Stadtentwicklung. Dabei liegt unser Fokus insbesondere darauf, wie man mit neuen Konzepten urbane Räume nachhaltiger gestalten kann. Basierend auf dem ökologischen Fußabdruck einer Stadt, wollen wir nachhaltige Transformationsprozesse vorantreiben. Durch die Implementation von klaren Strategien, wie nature-based solutions und green spaces, wollen wir Städte an den Klimawandel anpassen. Besonders wichtig ist uns dabei, die Auswirkungen des Klimawandels im Blick zu haben und vulnerable Gruppen zu schützen. Uns ist bewusst, dass nachhaltige Stadtentwicklung nicht nur ökologisch zu betrachten ist, sondern auch politische sowie soziale Aspekte miteinbezogen werden müssen. (Jannes, Felix, Valentin)
2. Wir haben/bringen mit...
Wir bringen die Disziplinen Politikwissenschaft, Geographie, Soziologie, Internationale Entwicklung, Wirtschaftswissenschaften und verschiedene Berufserfahrungen mit.
Wir kommen aus verschiedenen Ländern, am meisten aus der DACH-Region. Manche haben einen ländlichen, andere einen städtischen Hintergrund, der uns alle unterschiedlich prägt.
Wir bringen einen kritischen Einblick auf die sozio-ökonomischen Verhältnisse des Systems. (Carlos, Sophia)
Wir sind eine interdisziplinäre Gruppe, die das Themenfeld Urban Studies aus verschiedenen (sozialwissenschaftlichen, wirtschaftswissenschaftlichen, naturwissenschaftlichen) Perspektiven betrachten kann. Besonders wichtig ist es uns, unsere Interdisziplinarität hervorzuheben und in der Forschung zu nutzen. Nicht nur unser akademischer Hintergrund, sondern auch unsere Herkunft ist divers. Dadurch, dass wir Personen aus unterschiedlichen Herkunftsländern, aber auch aus ruralen und städtischen Regionen sind, können wir Kontexte und Beziehungen aus unterschiedlichen Sichtwinkeln betrachten.
Wir hinterfragen unsere privilegierte Position und eurozentrische Sichtweise. Dadurch sind wir auch sensibilisiert gegenüber Inklusion und Exklusion sozialer Gruppen. Ethische Leitlinien sind ein wichtiger Bestandteil unserer Forschung. (Lynn, Jamie, Victoria, Ernesto)
3. Wir handeln…
aufbauend auf unserem Nachhaltigkeitsverständnis, das soziale, ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit einschließt. Wir müssen unser derzeitiges Verständnis von Städten hinterfragen, indem wir unterschiedliche Perspektiven miteinbeziehen und kritisch reflektieren. In diesem Sinne möchten wir uns nicht nur Wissen aus Mainstream-Perspektiven aneignen, sondern heterodoxe Ansätze verstärkt berücksichtigen. Unser Handeln soll einen wissenschaftlich gestützten Beitrag zur Bewältigung von multiplen urbanen Krisen, wie Gentrifizierung, Klimawandel und Neoliberalismus geben. (Bruno, Chantal, Sophia, Hannah)
Wir fordern eine partizipative Gestaltung von urbanen Räumen, bei der eine aktive Einbindung aller Akteur*innen geschieht, sowie verschiedene Interessen berücksichtigt werden. Dafür braucht es einen Interessensaustausch, bei dem ein Wissenstransfer zwischen Forschung und Zivilgesellschaft auf Augenhöhe stattfinden kann. Theorie muss daher für alle zugänglich und verständlich sein. Die daraus resultierenden Forderungen übersetzen wir in praktische Anwendungen und wollen dafür den notwendigen Raum bereitstellen. (Anna, Lisa, Philippa, Oscar)
Wir sind offen für anderen Perspektiven, um eine Stadt im Spannungsfeld multipler Gerechtigkeiten mitzugestalten. Wir lernen, verwenden und bestärken feministische Perspektiven auch jenseits des eurozentrischen Diskurses, um Gegenpositionen in der Stadtforschung ein stückweit sichtbarer zu machen. Unser Beitrag ist es, eine ökologische Stadtforschung mit sozialer Gerechtigkeit zu verknüpfen, um vielseitige Bedürfnisse – vor allem von benachteiligten Positionen – zu berücksichtigen. (Julia, Yvonne)



