Skalierung der Auswirkungen urbaner Landwirtschaft auf Resilienz und Nachhaltigkeit in Wien: Ein Ko-Kreation Workshop

Am 16. September 2025 fand an der Universität Wien ein halbtägiger Workshop des Growing Resilience with Urban Agriculture for Sustainable Cities (GReenSCape) Projekts mit zwanzig Teilnehmer*innen aus denen Bereichen Forschung, Gemeindeorganisationen und politische Entscheidungsträger*innen statt. Im Fokus stand die folgende Frage:

Wie kann Wien in den nächsten drei Jahren die multifunktionalen Vorteile urbaner Landwirtschaft nutzen und ggfs. weiter ausbauen?

Dieser Workshops stellte eine Wiederholung/Übertragung des im Februar 2025 in Metro Manila durchgeführten Workshops dar. Somit konnte das GReenSCape-Projektteam eine städteübergreifende Diskussion zu verschiedenen urbanen Landwirtschaftsansätzen und deren vielfältigen Auswirkungen in beiden Städten führen, und zwar von der Anpassung an den Klimawandel und dem Aufbau von Gemeinschaften bis hin zur Stärkung der lokalen Wirtschaft und der Schaffung neuer Verbindungen zwischen Stadtplanung und Governance.

Der Workshop in Wien brachte eine Reihe spezifischer lokaler Perspektiven, politischer Anforderungen und städtebaulicher Fragen mit sich. Das zentrale Ziel blieb jedoch dasselbe wie in Manila: gemeinsam zu überlegen, wie urbane Landwirtschaft sinnvoll, fundiert und gerecht ausgebaut werden kann.

Aufbau einer gemeinsamen Vision des Erfolgs

In vier Gruppen wurde jeweils mit einem Set von 28 Impact Karten (Wirkungskarten) gearbeitet. Diese ökologischen, sozialen, wirtschaftlichen, infrastrukturellen und institutionellen Wirkungen können grundsätzlich durch den Einsatz urbaner Landwirtschaft erzielt werden. Aus diesem Set sollten die Teilnehmer*innen 14 Wirkungen auswählen, die sie jeweils als Gruppe zum jetzigen Zeitpunkt als am dringendsten und realistischsten für Wien einstufen.

Trotz unterschiedlicher Fachgebiete, Berufsgruppen, etc. der Teilnehmenden gab es eine starke Übereinstimmung: Umweltverträgliche Praktiken, die Kreislaufwirtschaft, Biodiversität und Bodengesundheit sowie das soziale Wohlergehen, den Aufbau von Kapazitäten und die Entwicklung der lokalen Wirtschaft befördern, wurden besonders priorisiert. Darüber hinaus kristallierte sich Governance als ein zentrales Thema heraus, und zwar insbesondere in Bezug auf mehr Transparenz bei Landnutzung und Entscheidungsprozessen sowie eine kohärente, wissenschaftlich fundierte Strategie, die die langfristige Integration  urbaner Landwirtschaft in Wien befördert.

Dieser Schritt trug dazu bei, ein kollektives Gefühl unter den Teilnehmenden zu entwickeln und die weitere Diskussion auf einer gemeinsamen Vision von „Erfolg“ zu führen.

Die Teilnehmenden priorisierten die Karten zu den Auswirkungen der urbanen Landwirtschaft (1), © J. Vandenberg, 2025
Die Teilnehmenden priorisierten die Karten zu den Auswirkungen der urbanen Landwirtschaft (2), © J. Vandenberg, 2025

Ko-Kreation von Aktivitäten zur Erzielung der gewünschten Wirkungen urbaner Landwirtschaft

Im nächsten Schritt wurden die Teilnehmer*innen gebeten – ausgehend von Leitfragen – gemeinsam Aktivitäten zu entwickeln, die sie zur Erreichung ihrer Vision des Erfolgs als wichtig erachten. Es entstanden kreative und inspirierende Ideen: von ganz praktisch gedachten Gemeinschaftsinitiativen wie Kompostierungsprogrammen, Gemeinschaftsgärten und interkulturellen Veranstaltungen rund um Lebensmittel bis hin zu Governance-Strategien, digitalen Planungs- und Monitoringtools und Bildungsinitiativen.

Auffallend war, wie multifunktional diese Aktivitäten wurden, je länger die Teilnehmenden darüber reflektierten, welche spezifischen Wirkungen diese erzielen können. So trägt ein Gemeinschaftsgarten nicht nur zur Verbesserung der Lebensmittel- und Ernährungssicherheit bei, sondern kann auch als Ort der Bildung fungieren, während eine Gemeinschaftsküche auch zu einem kulturellen Raum werden kann und eine digitale Plattform gleichzeitig als gemeinschaftliches Koordinationsinstrument fungieren kann.

Diese Übung hat verdeutlicht, dass urbane Landwirtschaft in Wien als integraler Bestandteil einer nachhaltigen Stadtentwicklung und -planung verstanden werden sollte. Diesbezüglich gibt es derzeit noch ungenutztes Potenzial.

Skalierbarkeit der Aktivitäten

Im letzten Schritt wurden verschiedene Möglichkeiten der Skalierbarkeit urbaner Landwirtschaft adressiert. Sollen mit bestehenden Aktivitäten mehr Menschen erreicht werden, so spricht man von scale up. Sollen die Wirkungen bestehender Aktivitäten intensiviert werden, geht es um ein scale deep, während ein scale wide die Ausweitung auf andere (geografische) Bereiche vorsieht. Ist es das Ziel, die Wirkung auf weitere Sektoren auszudehnen, spricht man von einem scale across, während ein Umdenken in Bezug auf Werte, Denkweisen und Narrative als scale soft bezeichnet wird.

Die Teilnehmenden in den vier Gruppen sollten im Folgenden reflektieren, wie Praktiken urbaner Landwirtschaft skaliert werden könnten und welche Ressourcen, Akteur*innen und Unterstützung dafür erforderlich wären. Sollte ein Projekt größer werden, repliziert, tiefer in ein Stadtviertel eingebettet oder stärker mit Schulen, Parks oder Gesundheitsprogrammen verknüpft werden? Entscheidend ist, dass jedes Projekt einen anderen Ansatz, andere Ressourcen und andere Wege erfordert.

Diese Übung war hilfreich, um sich von der Annahme zu lösen, dass Skalierung immer gleichbedeutend mit Expansion ist. Obwohl die meisten der diskutierten Aktivitäten auf unterschiedliche Weise skaliert werden können, kristallisierten sich einzelne Annahmen heraus: Z.B., dass Gemeinschaftsbasierte Projekte zuerst durch die Stärkung von Beziehungen deep skaliert werden sollten, bevor sie up oder wide skaliert werden können. Planungsinstrumente und digitale Systeme eignen sich für eine scale across auf die Bereiche Governance, Einzelhandel, Bildung oder Klimapolitik. Kulturelle und pädagogische Aktivitäten weisen Potenzial für eine soft Skalierung auf, zur Veränderung von Normen oder eine neue Verbindung zwischen Menschen und Lebensmitteln bzw. der Natur.

Es wurde deutlich, dass urbane Landwirtschaft in Wien nicht nur eine einzige Strategie braucht, sondern ein Portfolio von Skalierungsansätzen, die unterschiedliche Stärken, Akteur*innen und Formen der Wertschöpfung widerspiegeln.

Teilnehmende entwickeln Aktivitäten, um ihre Ziele zu erreichen (1), © J. Vandenberg, 2025
Teilnehmende entwickeln Aktivitäten, um ihre Ziele zu erreichen (2), © S. Stahlhut, 2025

Was die Ergebnisse über die Zukunft der urbanen Landwirtschaft in Wien verraten

Zusammenfassend zeigen die Ergebnisse, dass die Teilnehmenden dieses Workshops unter urbaner Landwirtschaft weit mehr als nur den Anbau von Lebensmitteln verstehen. Urbane Landwirtschaft wird als Bindeglied zwischen Nachbarschaften, Schulen, öffentlichen Einrichtungen, digitalen Werkzeugen und alltäglichen kulturellen Praktiken gesehen. Für die Zukunft brachte der Workshop eine ganze Reihe von Ideen für Aktivitäten hervor, die jeweils unterschiedliche Formen der Skalierung erfordern, um den vielfältigen Bedürfnissen und Ambitionen Wiens gerecht zu werden.

Vielen Dank an alle Teilnehmenden des Workshops für ihre Zeit und ihre inspirierenden Einsichten.